Vergangenen Sommer haben kanadische Forscher:innen Alarm geschlagen: Seit Pandemie-Beginn haben sich die Fälle von Essstörungen international beinahe verdoppelt. Doch sprechen wollen die wenigsten darüber. Höchste Zeit also, um diesem Tabuthema den Kampf anzusagen! Wir haben mit einer Betroffenen gesprochen, die eine lange Zeit unter einer Essstörung gelitten hat.

Gemeinsam mit ihrer Therapeutin erzählt sie uns, wie ihre emotionale Reise in ein gesundes Leben verlaufen ist.

Essstörung nimmt weltweit zu

Es sind Zahlen, die nicht unbedingt erfreulich sind. Wie ein Forscher-Team aus Kanada berichtet, hat sich die Zahl an Personen, die unter einer Essstörung leiden seit März 2020 – dem Beginn der Corona-Pandemie – fast verdoppelt. Alleine in Österreich litten bis vor wenigen Jahren noch etwa 7.500 Jugendliche darunter – 95 Prozent davon waren weiblich. Mittlerweile ist die Zahl drastisch gestiegen.

Wie mehrere Studien zeigen, sind die Auswirkungen der belastenden Situation rund um Viren, Lockdowns und Isolation nun auch psychisch sowie körperlich zu spüren. „Schon jetzt konsistent und in verschiedenen Studien und Erhebungen nachgewiesen, zeigt sich, dass Jugendliche und junge Menschen psychisch stärker belastet waren als ältere, und Frauen mehr als Männer – beispielsweise stiegen die Krankenhauseinweisungen wegen Essstörungen in den Corona-Zeiten um 48 Prozent“, hieß es in einer Aussendung anlässlich des Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin.

Doch auch vor dem Ausbruch der Pandemie war das Thema Essstörung etwas, unter dem viele Menschen litten, jedoch kaum bis gar nicht darüber sprachen. Ähnlich wie bei mentalen Erkranungen, war es womöglich die Scham und das Unterdrücken der Realität, die dazu geführt haben, dass Diagnosen wie etwa Magersucht als Tabu gesehen wurden. Höchste Zeit also, damit zu brechen!

Eine Betroffene spricht über ihren Überlebenskampf

„Ich will nicht mehr Leben. Ich brauche Hilfe“, waren die ersten Worte, die Sophie Matkovits – eine junge Frau, die an schwerer Magersucht litt – an ihre Therapeutin richtete, bevor sie bitterlich in Tränen ausbrach. Die Antwort der Therapeutin: „Sophie, füge in den vorherigen Satz zwei Buchstaben ein. Füge in den Satz das Wort ’so‘ ein. Es muss heißen: ‚Ich will so nicht mehr leben’“. Und mit diesem Dialog änderte sich das Leben von Sophie schlagartig.

Heute ist Sophie Matkovits eine 30-jährige Frau, die eine Essstörung hinter sich hat. Mit gerade mal 19 Jahren ist sie an anorexia nervosa, Magersucht, erkrankt. Nach einer holprigen Reise, hat sie es schließlich geschafft, die Krankheit zu überwinden. Um auch anderen Mut zu machen, offen darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen, hat sie nun gemeinsam mit ihrer Therapeutin, Brigitte Lenhard-Backhaus, ein Buch geschrieben. In „Hunger auf Leben“ berichtet sie über ihre emotionale Lebensgeschichte. Dabei teilt sie tragische Tiefpunkte ebenso wie tolle Erfolge mit den Leser:innen.

Die Inspiration, ihren Überlebenskampf in Worte zu fassen und auf Papier zu verewigen, nahm Sophie von ihrer Familie, wie sie uns im Interview erzählt. „Ich bin ein absolutes Glückskind, denn ich habe eine Familie, die mich bei der Gesundung in jeglicher Hinsicht unterstützt hat. Dieses Glück möchte ich teilen, indem ich meine Geschichte erzähle und damit anderen Mut mache.“

Auch wenn Sophie die Magersucht überwunden hat, war es sicherlich nicht einfach, ihre gesamte, teils schmerzhafte Vergangenheit erneut zu durchleben. „Natürlich war es nicht einfach, sich den Themen nochmals zu stellen, für mich ist das Buch auch ein guter Abschluss dieses Kapitels“, so Sophie. „Zu Beginn des Projekts habe ich schnell gemerkt, dass ich während des Schreibens immer nach Essen suche, offenbar hat mir mein Gehirn gesagt, dass diese Gedanken nicht gut für mich sind und ich Nahrung zu mir nehmen soll. Als ich das erkannt habe, habe ich mich total gefreut und war stolz, dass ich mich völlig unbewusst so verhalte.“

Krankheit muss in Gesellschaft aktzeptiert werden

Mit ihrer schonungslosen Offenheit will Sophie dafür sorgen, dass Essstörungen endlich aus dem Tabu-Bereich ausbrechen können. Denn nur wenn wir darüber sprechen, entsteht auch das notwendige Bewusstsein. „Ich denke, dass genau solche Bücher und Beiträge dazu beitragen können, dass auch diese Krankheit in unserer Gesellschaft akzeptiert wird“, stimmt auch Sophie zu. „Klar ist auch, dass es möglichst viele Stimmen braucht, damit das Thema auch Gehör in der Gesellschaft findet. Ich merke jedenfalls, dass viele Menschen das Bedürfnis haben, darüber zu sprechen.“

Vor allem wenn Betroffene gemeinsam über ihre Erfahrungen sprechen, kann das oft sehr hilfreich sein, wie auch Sophie festgestellt hat. „Seit der Veröffentlichung meines Buches kommen sehr viele Menschen in den unterschiedlichsten Situationen auf mich zu und teilen ihre persönlichen Erfahrungen mit Essstörungen.“

Doch aller Anfang ist schwer. Bis Sophie sich wirklich getraut hat, mit jemandem über ihre Magersucht zu sprechen, ist eine ganze Weile vergangen. „Ich war immer ein sehr offener, kommunikativer Mensch. In der Therapie habe ich gelernt, dass ich meine Stimme verwenden kann, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen“, gesteht sie. „Das Buch zu veröffentlichen hat unfassbar viel Mut und Energie gekostet. Denn ich habe mich von einer sehr verletzlichen, intimen Seite gezeigt. An Tagen an denen ich merkte, dass der notwendige Mut besonders viel Kraft braucht, habe ich mir vor Augen gehalten, dass ich dieses Buch schreibe, um anderen Menschen zu helfen.“

Der Moment, der alles veränderte

Um nochmal auf das erste Gespräch zwischen Sophie und Brigitte zurückzukommen: Wie Sophie in ihrem Buch erzählt, begann hier ihre Heilung und der Start in ein selbstbestimmtes Leben. „Hätte ich damals gewusst, welche anstrengende Reise ich vor mir habe, hätte ich mich auf diesen ‚Deal‘ wohl nicht eingelassen. Doch die Hoffnung, die Energie, die in dieser ersten Stunde freigemacht wurden, machten mir Mut“, schreibt Sophie im ersten Kapitel „Mut für den 1. Schritt“.

Man könnte sagen, dass dies ein wichtiger Schlüsselmoment in ihrem Genesungsprozess war. „In dem Moment wurde sehr viel Kraft und Energie frei. Denn ich hatte nach langer Zeit endlich wieder das Gefühl, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe, ich es gestalten kann“, erzählt uns Sophie. Und das war auch der Beginn einer langen, anstrengenden aber am Ende dennoch sich lohnenden Reise. „Die Therapiestunden kosteten unheimlich viel Kraft, nach jeder Einheit musste ich mich schlafen legen. Am Tag danach verspürte ich meistens aber viel mehr Energie, das war also sicher eine Kraftquelle.“

Aber auch ihre Familie und ihre Freunde unterstützen sie – ein unheimlich wichtiger Part, rückblickend betrachtet. „Ich habe gelernt, dass ich darauf vertrauen kann, dass ich geliebt werde, weil ich so bin wie ich bin. Komme was wolle. Und das ist ein sehr schönes Gefühl, das auch frei macht“, so Sophie. Während ihrer Heilung hat sie auch noch etwas anderes, sehr Wertvolles gelernt, wie sie berichtet. „Ich bin mir selbst eine gute Freundin. Sich selbst zu mögen und auf sich aufzupassen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und entsprechend zu handeln, war ein Prozess.“

Konfrontation mit dem Unangenehmen

Alleine hätte es Sophie womöglich – wenn überhaupt – erheblich schwerer geschafft, ihre Magersucht hinter sich lassen. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass es hier auch Personen braucht, die einem nahe stehen und richtig handeln. Da stimmt uns auch Sophie zu. „Es war goldrichtig, dass mich meine Familie sehr direkt mit ihren Beobachtungen konfrontiert und keine Diskussion gescheut hat. So sind viele Prozesse erst überhaupt in Gang gesetzt worden.“

Aber auch die Bindung zu ihrer Therapeutin war unumgänglich, um überhaupt erst an eine Heilung zu denken. „Brigitte war eine wertvolle Wegbegleiterin auf der Reise mit und zu mir selbst. Ohne sie wäre ich sicher nicht gesund geworden. Aber so wie das eben bei Wegbegleitern ist, den Weg muss man selbst gehen und das ist durchaus anstrengend sowie fordernd.“

Wir fragen uns: Kann man ab einem bestimmten Punkt sagen, man ist geheilt? Im Fall von Sophie, ja! Es gab tatsächlich einen Moment, ab dem sie wusste, dass sie gesund ist. „Als mein Arzt mir zu meiner Heilung gratulierte war ich unfassbar stolz. Diese Reise war sicher das Anstrengendste, Tapferste und Mutigste, das ich in meinem bisherigen Leben geschafft habe“. Doch ganz einfach war es für die Betroffene nicht, das auch zu realisieren.

Sophie Matkovitz (links) gemeinsam mit ihrer Therapeutin Brigitte Lenhard-Backhaus. Bild: Lisa Leutner

„Die Gewissheit, dass ich nun wirklich gesund bin, kam mit der Zeit, als ich das eine oder andere Mal auf die Probe gestellt wurde. Weder bei beruflichen Veränderungen, Misserfolgen oder privaten Problemen begann ich weniger zu essen. Ganz im Gegenteil. Gerade in den schwierigen Situationen bin ich stets lieb zu mir, sorge für mich und versorge mich mit (Nerven-)Nahrung“, so die 30-Jährige.

Wie es Sophie heute damit geht? „Ich genieße mein Leben, fühle mich voller Energie und Lebensfreude!“, erzählt sie uns lachend.

„Jede Essstörung ist ein Hilfeschrei der Seele“

Sophie ist unter den 30 Prozent, die es geschafft haben, eine Essstörung zu besiegen. Ohne ihre Therapeutin Brigitte Lenhard-Backhaus wäre das so aber nicht möglich gewesen. Lenhard-Backhaus hat das Therapiezentrum „intakt“ für Menschen mit Essstörungen im 9. Bezirk Wiens mitgegründet. Wir haben nach ihren Beweggründen gefragt, sich ausgerechnet auf diesen Bereich zu spezialisieren.

„Schon vor ca. über 20 Jahren haben Essstörungen sehr zugenommen. Damals ist viel in der Öffentlichkeit aufgeklärt worden, dass es schwere psychosomatische Erkrankungen sind, die nicht nur medizinische, sondern auch psychotherapeutische Behandlung brauchen. Wir erleben, dass diese Krankheiten viel Leid und Hilflosigkeit in Familie auslösen. Aber mithilfe einer interdisziplinären Zusammenarbeit, so wie wir es im ‚intakt Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen‘ anbieten, auch wichtige Veränderungsprozesse möglich werden können.“

Wichtig sei es laut der Therapeutin, den Betroffenen die Angst zu nehmen. „Jede Essstörung ist ein Hilfeschrei der Seele und auch eine Bewältigungsstrategie in schwierigen Lebenssituationen“, erklärt sie uns. „Daher ist lange keine Krankheitseinsicht möglich. Aber es ist wichtig, Betroffenen zu vermitteln, dass man mithilfe von Psychotherapie lernen kann, mit belastenden Situationen kompetenter umzugehen und liebevoller mit sich selbst zu werden.“

Was kann man als Angehörige:r tun?

Wie die Therapeutin bereits angesprochen hat, fühlt man sich oft unheimlich hilflos, sobald man bemerkt, dass jemand in seinem Umfeld möglicherweise an einer Essstörung leiden könnte. Doch wie erkennt man überhaupt, ob man sich ernsthaft Sorgen machen sollte? Im Fall von jungen Menschen, auf die Essstörungen besonders häufig zutreffen, erklärt Lenhard-Backhaus: „Sobald Jugendliche etwas an ihrem Essverhalten verändern und beginnen, Kalorien zu zählen, auf ‚gesundes‘ Essen zu achten oder überhaupt plötzlich Mahlzeiten auszulassen, weil sie scheinbar schon mit Freund:innen gegessen haben oder essen werden.

Die Therapeutin rät: „Hier sollten Angehörige hellhörig werden und achtsam hinterfragen, was die Jugendlichen belastet, was in der Schule los ist oder wie sich die allgemeine belastende Situation, die wir ja alle erleben, auf sie auswirken. Also möglichst viel ins Gespräch kommen ohne zu nerven, aber mit Empathie und Neugier.“

Gibt es einen Weg, möglichst richtig darauf zu reagieren? „Man sollte möglichst wenig Druck bezüglich des Essens bzw. Nichtessens machen. Man sollte in der Klarheit bleiben, die man schon vorher in Bezug auf regelmäßiges, abwechslungsreiches und ausreichendes Essen hatte und eventuell auch den unerträglichen Launen klare Grenzen setzen. Und nicht zu lange glauben, dass das nur pubertäres Verhalten ist, sondern so früh wie möglich kompetente Unterstützung in Anspruch nehmen“, lautet die Empfehlung des Profis.

Wunsch nach mehr Unterstüzung vom Gesundheitssystem

Auch die Therapeutin haben wir gefragt, was jede:r von uns tun kann, um dem Tabu, das auf Essstörungen lastet, ein Ende zu setzen. „Leider erleben viele betroffene Familien, dass ihr Umfeld irritiert reagiert, so im Sinne ‚Was stimmt da nicht in der Familie‘. Weil noch viel zu wenig bekannt ist, dass nicht nur persönliche und familiäre Faktoren, sondern auch vor allem gesellschaftliche, aber auch genetische Faktoren zusammenwirken, wenn es zu einer Essstörung kommt“, so Lenhard-Backhaus.

Nicht zuletzt hat auch die Weltsituation der letzten zwei Jahre möglicherweise Einfluss darauf, wie die Therapeutin bestätigt. „Natürlich hat sich die Corona-Pandemie für viele junge Menschen sehr belastend ausgewirkt. Durch das Homeschooling und die fehlenden persönlichen Kontakte mit den Peers in der Freizeit waren sie sehr auf sich selbst zurückgeworfen und haben sich vermehrt im Internet an Influencer:innen orientiert, die mitunter übertriebene Sport- und Ernährungsempfehlungen machen.“

Hat man den ersten Schritt erstmal geschafft, nämlich den Mut zu fassen, um offen darüber zu sprechen und sich in weiter Folge auch Hilfe zu suchen, könnte schon die nächste Hürde auf einen warten. Zu wenig freie Termine und zu teure Therapeuten. Brigitte Lenhard-Backhaus richtet sich mit einem Apell an das Gesundheitswesen.

„Da schon Jugendliche und junge Erwachsene an Essstörungen erkranken, die sich oftmals keine doch kostenintensive Psychotherapie leisten können oder diese ihren Eltern nicht zumuten können oder wollen, sollte es viel mehr kostenfreie Psychotherapieplätze geben und auch mehr Betten in Spitälern, wenn ein stationärer Aufenthalt notwendig ist.“

Eine abschließende Botschaft von Sophie und Brigitte: „Raus aus der Enge, rein in die Fülle des Lebens!“