Sich Hilfe in der spirituellen Welt zu suchen, ist für viele so etwas wie der letzte Ausweg aus dem mentalen Chaos. Sind Besuche beim Schamanen, Räucherrituale und Ayahuasca-Camps nur ein weiterer Hype, dem gerade alle verfallen sind, oder eine längst überfällige Besinnung auf uns selbst?

Wir haben mit einer echten Schamanin und mit zwei Menschen gesprochen, die ihren Geist auf eine spirituelle Reise geschickt haben …

„Spiritual Hacking“: Ein Weg, sich selbst zu finden

„Na, zu welchem Schamanen gehst du immer so?“ – eine Frage, die sich in naher Zukunft bestimmt nicht mehr nur Gwyneth Paltrow und ihre Hollywoodfreunde stellen. „Spiritual Hacking“, wie sie es gerne nennen, ist längst bei uns an­­­gekommen, und das aus gutem Grund. Während es sich so anfühlt, als würde sich die Welt in Sachen Technologie immer schneller drehen, sehnen sich viele umso mehr nach einem Ruhepol, der sie zu sich selbst zurückführt.

Irgendwann sind selbst Meditationssessions, Heilkristalle und Affirma­tionen nicht mehr genug, um abzuschalten und sich auf das Wichtige im Leben zu besinnen. Vielen ist klar: Der Stress nimmt trotz alldem überhand. Sich in die Hände eines Schamanen zu begeben, all die negative Energie ausräuchern zu lassen und eine echte Verbindung mit seinem Geist aufzubauen scheint derzeit für viele die beste Option zu sein, wenn man einfach durchatmen möchte. Doch was steckt eigentlich hinter dem Schamanentum und den Ritualen mit Kräutern, Trommeln sowie dem berühmt-berüchtigten Ayahuasca*?

* Dabei handelt es sich um einen halluzinogenen Trank, der aus der Ayahuasca-Liane gewonnen wird. Blätter und Wurzeln der Pflanze werden mehrere Tage lang eingekocht. Zu dem Sud werden dann noch weitere Pflanzen gemischt, die unter anderem den halluzinogenen Stoff Dimethyltryptamin enthalten. Vor allem im südamerikanischen Raum wird das Gemisch oft für Rituale der Bewusstseinserweiterung eingesetzt.

Aberglaube oder spirituelle Realität?

Gleich vorweg: Um die Welt der Schamanen voll und ganz zu begreifen und zu erklären, bräuchten wir vermutlich ein eigenes Heft. Daher halten wir uns hier an die wichtigsten Eckpunkte, um in diese faszinierende Kultur einzutauchen. Menschen, die sich als Schamanen bezeichnen, behaupten, spirituelle Fähigkeiten zu besitzen, mit denen sie heilende Zeremo­nien, Geisterbeschwörungen und naturnahe Rituale durchführen können. Alles nur Humbug? Hier scheint sich die Meinung der Gesellschaft in letzter Zeit ziemlich gewandelt zu haben, denn viele sehen Schamanen plötzlich nicht mehr als esoterische Scharlatane, sondern eher als Heiler mit besonderen Kräften.

Helga Martos, Shiatsu-Thera­peutin und praktizierende Schamanin, ist so jemand, auch wenn sie selbst den Begriff eher ungern nutzt, da er oft „massiv belächelt wird“, wie sie erzählt. Mit uns hat sie über ihre Berufung gesprochen – und darüber, wie sie überhaupt zum Schamanentum gekommen ist. Das ausschlaggebende Ereignis war für sie eine Nahtoderfahrung. „Das hat dazu geführt, dass ich jenseits von der Welt, in der ich lebte, nicht nur in diese ‚andere Welt‘ geschaut habe, sondern sie auch als andere Wirklichkeit erkannt habe“, so Helga. Einige Asienreisen und zahlreiche einschlägige Träume später stand für Helga fest: Sie muss diesem Gefühl nachgehen. Was folgte, waren drei Jahre Lehrzeit, in denen es zu mehreren Aufenthalten bei Schamanen im In- und Ausland kam.

Kann sich jeder einfach so dazu entscheiden, Schamane zu werden? „An sich trägt jeder Mensch die Weisheit, die Fülle in sich, um diese für sich und andere zu entdecken und fruchtbar zu machen“, weiß Helga. „Es wird sozu­sagen ein Programm gestartet, das wir von jeher in uns tragen, auf das nur lange Zeit nicht zurück­gegriffen wurde.“

Sind Schamanen die besseren Therapeuten?

Kommt es nur uns so vor oder besteht gerade ein regelrechter Hype darum, sich Scha­manen anzuvertrauen und sie als Therapeuten der etwas anderen Art zu sehen? „Die meisten Menschen kommen dann, wenn sie sich von anderer Seite keine Hilfe erwarten oder in diese kein Vertrauen mehr besteht“, erklärt Helga. Manchmal kommt im Leben alles zusammen: Stress in der Arbeit, Unruhen im Privatleben und obendrauf immer­währender Druck. In Situationen, die oft ausweglos erscheinen und in denen man sich auch keinem Therapeuten anvertrauen möchte, ist der letzte Versuch, daraus auszubrechen, für viele der Besuch bei einem Schamanen.

„Die Menschen suchen heute sicher vermehrt nach Rat und Hilfe. In dieser multifaktoriellen Unsicherheit entsteht in vielen ein Vakuum, aus dem mehr und mehr das Bedürfnis erwächst, sich wieder zu spüren“, so Helga. So wie bei Alexis R.: Er ist kürzlich einem Schamanen begegnet, der ihm dabei geholfen hat, einen anderen Blickwinkel aufs Leben einzunehmen. „Ich wollte einfach mal ausprobieren, was es abseits der klassischen Psychologie noch alles gibt, wollte einen alternativen Weg einschlagen“, erzählt er. „Während der Session habe ich dem Schamanen mein Vertrauen gegeben. Ich wollte, dass sich etwas ­ändert; ich habe es zugelassen.“

Zuerst stand ein Räucherritual am Programm, dann bekam Alexis noch ein Kräuter-Wurzelgemisch, das er zuvor selbst gewählt hatte, über die Nase verabreicht. „Nach einiger Zeit habe ich dann bemerkt, dass meine Handflächen ganz heiß werden – für mich ein Zeichen, dass meine Energie zurückgekehrt ist. Das erste Mal seit Monaten habe ich mich von all der Last befreit gefühlt.“

Ayahuasca als Selbstfindungstrip für die Seele

Einen Schritt weiter ist Conor G. gegangen. Er berichtet uns von seiner Reise in ein peruanisches Ayahuasca-Camp. Damit wollte er seinen „mentalen und spirituellen Zustand aufbessern“, wie er erzählt.„Über zwei Wochen verteilt habe ich bei insgesamt sechs Aya­huasca-Sessions mitgemacht – und jede davon war ziemlich anders“, so Conor. „Es ­fühlte sich anfangs wie etwas an, das ich schon einmal – als Kind – gefühlt hatte. Bei anderen Sessions empfindet man jedoch tiefe Emotionen, viel Traurigkeit, Verzweiflung, Schuld und Scham, während man vergangene Traumata und Unsicherheiten, die man möglicherweise hat, aufarbeitet.“

Nicht immer ganz so einfach für den Körper, denn eine Nebenerscheinung dieses psychedelischen Pflanzen­gemischs, das hierzulande übrigens laut Suchtmittelgesetz verboten ist, ist heftiges Erbrechen. Dadurch soll man sich von allen negativen Dingen lösen und den Körper ­reinigen. Für Conor war es auf jeden Fall eine bedeutende Erfahrung: „Danach ­hatte ich definitiv ein Leuchten und ein Gefühl der Verbundenheit mit allem und der Natur“. Ganz so heftig muss es aber nicht immer ab­laufen, wie Helga berichtet: „Oft braucht es gar keine besonderen ­Rituale, es reichen schon freundliche Worte, Mitgefühl, Hinwendung und die Vermittlung von Hoffnung.“

Abschließend ein Rat an alle, die mit dem Ge­danken spielen, einen Schamanen aufzusuchen: „Man sollte sich bewusst sein, dass jeder ernsthaft schamanisch Praktizierende so etwas wie ein ‚Kanal‘ ist, um aus ­diesem erweiterten Bewusstseinszustand Botschaften aufzunehmen, zu ­entschlüsseln und umzusetzen“, so die Einschätzung von Helga Martos.

3 Fakten über Schamanen

Good to know:

1. Der Ursprung

Der Ausdruck šaman stammt von den tungusischen Völkern und bedeutet „jemand, der weiß“. Vor allem im sibirischen Raum hat sich der Begriff immer weiterentwickelt – bis heute gelten Schamanen dort als Ratgeber und Heiler.

2. Das Ritual

Schamanen dringen in die Gefühlswelt der Menschen ein, um körperliche und seelische Blockaden zu lösen. Dazu nutzen sie unter anderem Trommeln, deren Klänge dem Rhythmus des Herzens folgen, oder aber Räucherrituale, die dazu da sind, Visionen und ­Lösungen zu erzeugen, sowie dabei helfen, sich zu entspannen.

3. Die Wirkung

Laut Studien können trance­artige Zustände das para­sym­pathische Nervensystem stärken – das heißt, es fällt einem leichter, in die Ruhe- oder Erholungsphase zu gelangen. Zudem wird immer wieder davon berichtet, wie scha­manische Rituale Krankheiten wie Migräne, Rheuma oder auch Traumata heilen sollen.