Wir alle kennen es, wir alle tun es – und wir alle sind eigentlich ziemlich genervt davon: Die Rede ist vom sogenannten Doomscrolling, dem exzessiven Konsumieren negativer Nachrichten auf Social Media und Co. Aber warum machen wir das, und wie können wir diese Sucht stoppen?

Wir haben nachgefragt.

Was ist Doomscrolling?

Fast täglich ertappen wir uns dabei, wie wir stundenlang durch unsere Social-Media-Feeds scrollen und dabei von schlechten Nachrichten regelrecht erschlagen werden. Pandemie dort, Krieg da und Klimakrise eigentlich überall – Nachrichten, die uns nach und nach in einen Sog aus negativen Gedanken und ziemlich mieser Stimmung ziehen. Das Problem wäre leicht gelöst: einfach das Smartphone aus der Hand legen! Aber irgendwie schaffen wir das nicht. Wir sind süchtig nach Bad News. Spätestens jetzt müssen wir uns also eingestehen: Wir sind Opfer von Doomscrolling geworden.

Bad News: Eine Abwärtsspirale

Der Begriff kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den Wörtern „doom“ (was so viel wie Untergang oder Verderben heißt) und dem eingedeutschten Wort „scrollen“ zusammen. Doomscrolling bezeichnet das Lesen negativer Nachrichten bis zur Unendlichkeit; spätestens seit Beginn der Coronapandemie kennt so ziemlich jeder dieses Phänomen. Wir sind verstärkt belastenden Nachrichten ausgesetzt – egal ob bei Treffen mit Freunden, auf Nachrichtenseiten oder Social Media: Die aktuellen Krisen sind Dauerthema. Und so versuchen wir, „der Bedrohung und dem Gefühl der Machtlosigkeit mit eigener Informations­beschaffung aktiv etwas entgegenzusetzen“, erklärt Psychotherapeutin Barbara Haid.

Wir hoffen eben, durch mehr Wissen mehr Macht über eine Situation zu bekommen, die wir eigentlich nicht unter Kontrolle haben. „Doch dieser Versuch scheitert spätestens dann, wenn sich die Nachrichtenlage einfach nicht bessert und auf jede negative Meldung eine mindestens genauso negative folgt“, so Haid weiter – und schon sind wir tief drin in der Abwärtsspirale der Bad News.

Negativer Effekt auf die Psyche

Eine Erklärung für dieses Phänomen findet sich in der Steinzeit. Wir springen nämlich auf negative Nachrichten an, weil wir in der Urzeit z. B. lernen mussten, welche Tiere im Umkreis gefährlich für uns sind, weil wir dadurch (und durch ähnliches „Negativ“-Wissen) bessere Überlebenschancen hatten. Während sich die Technik rund um uns fast täglich weiterentwickelt, hat unser Gehirn das evolutionsbiologisch aber nicht – wir sind es also nach wie vor gewohnt, auf Negatives intensiver und schneller zu reagieren.

Die Fülle der Infos auf Social Media tut dann ihr Übriges; und auch aus technischer Sicht sind Apps ein gefundenes Fressen für Doomscrolling – Stichworte „Infinty Scroll“ und Algorithmen, die von unserem Bad-News-Konsum lernen und uns noch mehr davon ausspielen.

Die Folgen: Anspannung und Dauerstress. Studien zeigen etwa, dass schon zwei bis vier Minuten langes Lesen und Ansehen negativer Nachrichten einen messbaren Effekt auf unsere Psyche hat. Der Konsum von Krisenberichterstattung kann einer Studie der University of Bradford zufolge sogar ähnliche Symptome wie die einer posttraumatischen Belastungsstörung auslösen.

Der Weg aus der Spirale

Umso wichtiger ist es also, bewusst wahrzunehmen, wie viel Zeit man tatsächlich am Bildschirm verbringt, und sich zu fragen: „‚Wie geht es mir wirklich danach?‘ Und am wichtigsten: ‚Was bringt mir das?‘“, betont die Expertin. Ein klares Anzeichen dafür, dass man Doomscrolling betreibt, ist es, wenn sich die Gedanken nur noch um Ängste und Sorgen drehen. Wer die Warnsignale ignoriert, der riskiert, immer tiefer ins sprichwörtliche Verderben zu rutschen. Und das hat dann natürlich große Auswirkungen auf unsere mentale und auch körperliche Gesundheit. „Eine Pflanze, die nicht mehr gegossen wird, vertrocknet irgendwann“, warnt die Psychotherapeutin – und genau aus diesem Grund ist es wichtig, aus dieser Spirale auszubrechen, anstatt sich jeden Tag aufs Neue in die Tiefen des Weltschmerzes zu scrollen. Deshalb: Handy aus, Akku raus – um den eigenen wieder aufzuladen!

4 Tipps gegen Doomscrolling

  1. Bildschirmpause: Kleine Pausen können dabei helfen, kurz durchzuatmen. Nehmt euch zum Beispiel vor, in den ersten 30 Minuten am Morgen nicht gleich aufs Handy zu schauen – es ist absolut in Ordnung, nicht immer sofort über jede Entwicklung informiert zu sein.
  2. Vertrauenswürdige Quellen: Konsumiert seriöse Nachrichtenseiten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Achte darauf, dass es vertrauenswürdige Quellen sind, und vermeidet Social Media, um euch über aktuelle Geschehnisse zu informieren, denn dort kursieren oft Fake News.
  3. Ausgleich schaffen: „Aktiv werden“ lautet die Devise! Ablenkung bekommt ihr am besten, indem ihr euch ein Hobby sucht, euch mit Freunden trefft oder einfach mal einen Spaziergang alleine genießt. Nehmt euch bewusst Zeit!
  4. Nach positiven Infos suchen: Dreht den Spieß um und sucht gezielt nach guten und konstruktiven Nachrichten, die euch persönlich etwas bringen –oder euch einfach nur ein Lächeln ins Gesicht zaubern!

Barbara Haid ist ­Psychotherapeutin und Präsidiumsmitglied des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP).